„Guten Morgen, wer sind Sie denn?“ oder Alltag im Pflegeheim

Ralph Skuban leitete mehr als zwei Jahrzehnte eine Einrichtung für Demenzkranke. Mit seinem Buch “ Guten Morgen, wer sind Sie denn?” bricht er eine Lanze für das Recht auf Selbstbestimmung der Bewohner und für die Arbeit der Pflegekräfte. Dabei ist er nicht von Sensationslust und Auflagenzahlen getrieben, sondern von der Notwendigkeit, endlich gegen die vorhandenen Missstände anzukämpfen.

Ralph Skuban hat viele Menschen sterben sehen. Sein Beruf ist es, überwiegend schwerst pflegebedürftige Menschen, meist Demenzkranke, bis zum Tod zu betreuen. Täglich begegnet er dabei der Vergänglichkeit des Körpers und des Geistes. Er sieht das damit verbundene Leid der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen und gelangt mehr als einmal an seine Grenzen.

Demenz, Pflege, Heim, Sterbehilfe, Würde
(Cover: dtv premium)

Nach einem “Pflegesystem” soll er sie betreuen, einem System, das sich nicht um den Einzelnen schert und mit unvorstellbarer Fremdbestimmung über alles Individuelle hinweg geht. “Gepflegt” wird nach Punkten, unendlich viel Zeit geht in die Dokumentation, in das Ausfüllen von Fragebögen und Protokollen. Zeit, die viel besser in die Bewohner des Heimes investiert wäre. Aber wer sich mehr um die Menschen kümmert statt um die Bürokratie, bekommt “schlechte Noten”. Denn bewertet werden die Pflegeeinrichtungen über die Anzahl der brav ausgefüllten Fragebögen, nicht nach der Zufriedenheit der Bewohner und ihrer Angehörigen. Und schon gleich gar nicht nach der Zufriedenheit der Mitarbeiter.

Menschen, die miese Arbeitszeiten, noch miesere Bezahlung und enorme Belastung durch Zeitdruck und auch durch das Sterben auf sich nehmen, um anderen Menschen ein Sterben in Würde ermöglichen zu können. Doch genau hier greift die Gesetzgebung ein und verhindert, was Menschen leisten wollen. Sie verhindert, dass Menschen sterben dürfen, für die keinerlei Hoffnung mehr besteht. Können sie sich wegen ihrer Demenz nicht mehr wehren und haben keine entsprechenden Vorkehrungen (z.B. Patientenverfügung) getroffen, werden sie zwangsernährt, zwangsbehandelt, zwangstherapiert. Und wer ab und an noch lichte Momente hat und seiner Situation bewusst ein Ende setzen will, darf das nicht. Zumindest nicht in Deutschland.

Ist ein dementer Mensch philosophisch betrachtet noch ein Mensch?

Dem Schritt, den Ralph Skuban dann macht, stehe ich zugegebenermaßen gespalten gegenüber. Er beleuchtet die Frage “Was ist ein Mensch?” aus philosophischer Sicht. Demnach sind Bewusstsein und die Fähigkeit der Selbstreflexion unabdingbar für das Menschsein. Für mich durchaus nachvollziehbar leiteter dann die Frage ab: Sind Menschen, die tief in ihrer Demenz versunken sind und keine “hellen” Momente mehr haben, nach dieser Definition eigentlich noch Menschen? Sie sind nicht mehr in der Lage, bewusst Entscheidungen zu treffen, von Selbstreflexion ganz zu schweigen.

So weit, so gut. Doch dann führt Ralph Skuban das tägliche Töten von Tieren ins Feld. Tieren, die sich ihrer Situation stärker bewusst sind, als zutiefst demente Menschen. Was gibt uns das Recht, diese zu töten, aber Menschen mit viel geringerer Selbstwahrnehmung einen gnädigen Tod zu verweigern?,fragt er. Wobei er dabei nicht die Menschen anspricht, die “völlig durch den Tunnel gegangen sind” – also jenen, die keine klaren Momente mehr haben – und mit dieser Situation entspannt und schmerzfrei leben, sondern jene, die in dieser Lage ganz offensichtlich körperliche Schmerzen und Qualen leiden.

Ich gehöre ebenfalls zu den Verfechterinnen des “Sterbendürfens”. Wer sich dazu entscheidet, weil er nicht leiden möchte, sollte dies in seinem gewohnten Umfeld umsetzen dürfen. Der letzte Weg sollte dabei nicht in eine fremde Umgebung führen müssen. Und ich spreche mich auch entschieden gegen eine Gerätemedizin aus, die auf Teufel komm raus den Sieg über das Sterben erringen will.

Missionieren auf Kosten dementer Menschen?

Allerdings hat mich der Vergleich mit dem Schlachten von Tieren erheblich gestört. Nicht, weil ich Ralph Skubans Bewusstseins-Argumentation nicht teilen kann, sondern weil ich den Eindruck hatte, hier wird für den Verzicht auf Fleisch statt für das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und Lebensende kranker Menschen plädiert. Ich respektiere Vegetarier, setze mich ziemlich intensiv mit veganem Leben auseinander, möchte aber nicht auf eine solche Art “missioniert” werden. Egal, ob ich diese Intention richtig interpretiert habe oder nicht, bei mir ist es so angekommen. Deshalb habe ich mich mit dem letzten Drittel des Buches nicht mehr wohl gefühlt.

Dennoch gibt es für “Guten Morgen, wer sind Sie denn?” von mir eine klare Leseempfehlung. Es wird höchste Zeit, dass wir uns mit dem Pflege-GAU, in dem wir uns längst befinden, aufräumen. Wer sich um verwirrte und pflegebedürftige Menschen kümmert, soll dafür angemessen bezahlt werden und ausreichend Zeit dafür bekommen. Pflege muss wieder menschlich werden und darf nicht länger bürokratischer Verwaltungsakt sein.

Und wir müssen endlich weg von unserem “höher, schneller, weiter” in der Medizin. Es gilt zu akzeptieren, dass Leben endlich ist und dass eine Verlängerung auf Teufel komm raus – nur weil die Maschinen es können – unmenschlich ist.

Insofern, Ralph Skuban, Danke für dieses Buch!

Ralph Skuban

Ralph Skuban, geboren 1965, ist promovierter Politikwissenschaftler und leitet seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Nähe von München eine Einrichtung für Demenzkranke. Skuban ist ein ausgewiesener Kenner der Philosophie und Mystik des Ostens, er praktiziert sie auch, hält Seminare und hat Bücher zum Thema publiziert. Er lebt in der Nähe von München.

Buchinfo: Guten Morgen, wer sind Sie denn von Ralph Skuban, erschienen bei dtv premium, Mai 2014, 160 Seiten, € 13,90, ISBN 978-3-423-26034-3, Danke für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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Mordsgouda: Als Deutsche unter Holländern

Warum hassen Holländer Gardinen? Schmecken Bitterballen wirklich bitter? Und warum muss im Oranje-Land alles lekker, leuk und makkelijk sein? Diese Fragen und viele mehr über unsere holländischen Nachbarn beantwortet Annette Birschel in “Mordsgouda”. Aber Vorsicht, nicht alles ist bierernst gemeint.

Tulpen, Tomaten und Frittenfett

Auf Frittiertes fahren sie voll ab. Ihr Tulpenzüchtungen sind unübertroffen schön und ihre Tomaten unübertroffen wässrig. Und Urlaub ohne Wohnwagen kommt nicht in die Tüte. Das weiß doch jeder, oder etwa nicht? Doch nicht alle Fragen sind so einfach zu beantworten. Da bedarf es schon eines tieferen Einblicks in das Wesen unserer sympathischen Nachbarn im Westen.

Jeder nur ein Stück Kuchen, bitte!

Annette Birschel liefert diesen Einblick. Seit über zehn Jahren lebt die deutsche Autorin und Journalistin im Land der Kaufleute und Pfarrer. Sie hat gelernt: Das Land hinter den Deichen hat seine ganz besonderen Tücken. Bei Geburtstagsfeiern sollte jeder Gast nur ein Stück Kuchen essen und der holländische Nikolaus, der Sinterklaas, landet schon Mitte November in den Niederlanden.
Die Niederländer sind anders, als wir Deutschen denken. Gleichzeitig sind sie uns aber auch ähnlicher, als wir denken. Annette Birschel muss es wissen. Für sie war ihr Umzug nach Holland Liebe auf den zweiten Blick.

Mordsgouda ist ein amüsanter Ausflug in die Geschichte der Oranjes, der trotz der gehörigen Portion Humor viel Wissenswertes vermittelt. So macht “Erdkunde” richtig Spaß.

Mordsgouda ist ein schönes Weihnachtsgeschenk für alle Hollandfans.

Annette Birschel
Geboren 1960, aufgewachsen in Bremen, arbeitet seit vierzehn Jahren in den Niederlanden als freie Korrespondentin für deutsche Medien, u.a. für den WDR Hörfunk. Sie lebt in Amsterdam.
Buchinfo
Mordsgouda von Annette Birschel, erschienen bei Ullstein, Juli 2011, 256 Seiten, € 8,99, ISBN 978-3-548-28201-5

Stirb: Er findet Dich immer, wohin Du auch gehst

Gerade hat sich Lara Simons ihren großen Traum vom eigenen Café erfüllt, da wird sie in einer dunklen Nacht brutal überfallen. In letzter Sekunde kann sie entkommen. Was Lara nicht weiß: Der Täter kennt sie. Von früher. Und er kannte ihre Mutter. Lara flüchtet mit ihrer kleinen Tochter von Berlin auf die Insel Rügen. Aber der Killer holt sie ein.

Alles scheint perfekt. Lara Simons hat endlich in Berlin ihr lange erträumtes Café eröffnet. Es soll der Schritt in ein neues Leben werden. Und das wird es auch. Allerdings auf ganz andere Art, als Lara es sich erhofft hat. Denn noch in der Eröffnungsnacht wir sie von einem Fremden  überfallen und mit einem Messer verletzt. Mit viel Glück kann sie ihm entkommen.

Ich kriege dich, Nutte!

Doch damit nicht genug. Am darauffolgenden Morgen steht die Polizei mit einer weiteren Hiobsbotschaft vor ihrer Tür. Der Täter hat aus Frust, dass sie ihm entkommen ist, ihr Café komplett verwüstet. An einer Wand hat er ihr eine klare Drohung hinterlassen: “Ich krieg dich, Nutte!” Lara beschließt, die Warnung ernst zu nehmen.
Sechs Jahre später. Lara hat den Rat der Polizei angenommen und sich auf Rügen eine neue Existenz aufgebaut. Weit weg von Berlin. Weit weg von ihren alten Freunden. Und weit weg von ihrem Verfolger. Oder etwa doch nicht?

“Stirb” ist ein sehr eindringlicher Thriller. Als Leser kann man nachfühlen, wie schwierig es ist, seine Pläne aufzugeben, um sich selbst und sein Kind in Sicherheit zu bringen. Und wie unfassbar hart es ist, festzustellen, dass all das nichts gebracht hat. Bis zum Ende bleibt unklar, auf wen sich Lara verlassen kann und wer ihr zur Gefahr wird.

Gute deutsche Thrillerkost.

Autorenporträt
Hanna Winter arbeitete nach dem Studium der Journalistik als Redakteurin. Heute lebt sie als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Mit ihrem ersten Thriller, Die Spur der Kinder, ist ihr auf Anhieb ein Beststeller gelungen.

Buchinfo
“Stirb” von Hanna Winter, erschienen bei Ullstein, August 2011, 352 Seiten, € 8,99, ISBN 978-3-548-28344-9

Die Tote im Main: Niemand kennt ihr Gesicht

Am Main-Staukraftwerk wird eine grausam entstellte Mädchenleiche angespült. Hauptkommissar Winter setzt alles daran, den Fall aufzuklären. Als seine Kollegin, Hilal Aksoy, im Laufe der Ermittlungen feststellt, dass Winters Tochter die Tote kannte, spitzt sich die Situation für Winter zu. Handelte es sich womöglich um einen Ritualmord? Und ist Winters Tochter ebenfalls in Gefahr?

Hauptkommissar Andreas Winter ist genervt. Sein langjähriger Kollege lässt sich versetzen und ihm wird die nervtötend politisch korrekte Kollegin Hilal Aksoy zur Seite gestellt. Ihre übersprudelnden Ideen, die sie jedem unter die Nase reiben muss, gehen ihm gewaltig gegen den Strich. Mit seinem alten Kollegen lief einfach alles reibungslos Hand in Hand. Dazu kommt noch der Stress daheim. Seine 16-jährige Tochter schwänzt die Schule und hat einen dubiosen Freund, den die Eltern noch nie zu Gesicht bekommen haben.

Wer ist das Mädchen ohne Gesicht?

Bei kaltem Nieselregen auf der Staustufe herum zu klettern, um mit Aksoy nach Spuren zu suchen, die den Fall des gesichtslosen Mädchens aufklären könnten, fehlte ihm da gerade noch. Und wie nicht anders zu erwarten, bringt ihn die übereifrige neue Kollegin mit ihren ständig wechselnden Theorien von einem Fettnapf in den anderen.
Als der Fall zu den Akten gelegt werden soll, taucht an der gleichen Stelle eine neue Leiche auf. Hat Winters Tochter etwas mit den Toten zu tun? Sie wurde am Vorabend an der Staustufe gesehen und kannte auch das erste Opfer. Winter muss sich aus dem Fall zurückziehen und sich auf Kollegin Aksoy verlassen.

Auch deutsche Krimis haben ihre Stärken

Ich lese gerne deutsche Krimis. In aller Regel kommen sie ruhiger und weniger actiongeladen daher, als ihre amerikanischen “Kollegen”. Und das muss überhaupt nicht nachteilig für die Story sein. Wenn dann aber noch mit zahlreichen falschen Fährten und diversen Nebenschauplätzen, wie zum Beispiel die private Problematik Winters, gearbeitet wird, kann das der Spannung Abbruch tun.
Bei Staustufe ist das leider passiert. Eine eigentlich wirklich gute Story wird so lange verwässert, bis man kurz davor ist, aufzugeben. Was überaus schade wäre. Denn zum guten Schluss nimmt der Fall eine wirklich unerwartete Wendung.

Autorenportrait:
Alex Reichenbach studierte Amerikanistik und Politologie und lebt und schreibt in Frankfurt am Main. «Staustufe» ist der erste Band in der Reihe um Hauptkommissar Andreas Winter und seine türkische Kollegin Hilal Aksoy.

Buchinfo
Staustufe von Alex Reichenbach, erschienen bei rororo, September 2011, 384 Seiten, €8,99, ISBN 978-3-499-25539-7