Superheldin 21 – Mein Leben mit Down-Syndrom.

Verena Turin möchte mit Vorurteilen aufräumen. Selbstbewusst erzählt sie uns von ihrem Leben mit Down-Syndrom, denn sie fühlt sich ganz normal. Anders ist sie nur für die Anderen. Verena träumt davon, Superheldin zu sein. Oder Sängerin. Oder Schauspielerin. Träume, die wir alle schon mal geträumt haben.

978-3-499-63269-3 (1)Als der Rowohlt-Newsletter mit der Ankündigung von Superheldin 21 – Mein Leben mit Down-Sydrom kam, war für mich sofort klar: Dieses Buch muss ich haben!

Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Bücher über Down-Syndrom gibt es viele, mir war aber bislang bewusst noch keines untergekommen, dass von einem Menschen mit Down-Syndrom geschrieben wurde. Wobei ich nicht abstreiten will, dass es die gibt.
  • Down-Syndrom und Journalistin, wie geht das zusammen?
  • Den Ohrenkuss, ein Magazin für Menschen mit Down-Syndrom, kannte ich nicht, er hat mich neugierig gemacht.
  • Und schließlich gibt es da noch die Tochter von Freunden. Auch sie wurde mit einem zusätzlichen Chromosom geboren und mit sehr starken Auswirkungen auf ihre Selbstständigkeit.

Ich war also neugierig und nach der Einleitung kurz etwas enttäuscht: Verena Turin hat auf Fragen geantwortet, die man ihr gestellt hat! Aber die Enttäuschung hielt nur sehr kurz an, denn erklärt ausführlich, wie die Zusammenarbeit abgelaufen war. Superheldin 21 ist ganz eindeutig IHR Buch.

Schicht und einfach gut

Gewöhnungsbedürftig war anfangs auch der Schreibstil. Als Vielleserin und Medienschaffende musste ich mich an den schlichten Stil gewöhnen. Doch wieder wurde ich nach wenigen Seiten überrascht. Schnell fand ich es sehr entspannend, Superheldin 21 zu lesen. Alles war echt. Keine aufwändige Story mit Tausend mehr oder weniger gelungenen Schlenkern. Kein Egoshooting sondern ein tiefer offener Einblick in Verenas Herz.

Dieser Einblick hat mich tief beeindruckt. Verena Turin nimmt uns mit in ihren Alltag. Erzählt von ihrer Arbeit im Seniorenheim, von den schönen und den weniger schönen Momenten dabei. Von ihrer Freude an Musik, ihre Liebe zu ihrer Familie. Sie nimmt uns mit auf Ausflüge und erzählt von ihrem Freund. Offen, ehrlich und immer freundlich. Selbst dann, wenn sie klare Grenzen setzt, weil ihr ein Thema zu persönlich wird.

LIebe Verena Turin,

Ihr Buch hat mich sehr berührt. Es ist schön, Menschen zu begegnen, die anderen Menschen nichts Böses wollen. Die mit offenem Herz und reiner Seele auf ihre Mitmenschen zugehen, ihnen positiv begegnen, egal wer sie sind und was sie tun. An dieser Unvoreingenommenheit kann ich mir ein Beispiel nehmen.

Und ich kann von Ihnen lernen, weniger streng mit mir selbst und meinen persönlichen Schwächen zu sein, denn sie haben Recht. Wenn man mit einer Sache nicht so gut klar kommt, bei Ihnen sind es die Zahlen, gibt es viele andere, auf die man stolz sein kann. Ich wünsche mir mehr Menschen, die so unvoreingenommen auf andere zugehen, wie Sie das tun.

Danke für dieses Buch! Sie haben mir damit eine große Freude gemacht.

Wer sich jetzt noch fragt, ob das Buch von mir eine Leseempfehlung bekommt, sollte vielleicht einfach nochmal von vorne anfangen zu lesen. 😉

Verena Elisabeth Turin

Verena Elisabeth Turin, geboren 1979 in Tirol, arbeitet in einem Pflegeheim und als Journalistin für den Ohrenkuss, Magazin von Menschen mit Down Syndrom. Turin ist fasziniert von Mischpulten, macht auch selbst Musik in einer Band, liebt Wasser, Schwimmen, Himbeersaft und Filme von Walt Disney. Negative Gedanken und Diskriminierung hingegen kann sie nicht ausstehen. Verena Turin hat zwei Nichten und wohnt bei ihren Eltern.

Daniela Chmelik

Daniela Chmelik, geboren 1980 in Hamburg, studierte Literaturwissenschaften und leitet derzeit bei barner 16 (inklusives Netzwerk von Künstlern mit und ohne Handicaps) das Labor für Literarische Experimente. Seit 2008 arbeitet sie als Schreibassistentin und Koordinatorin der Hamburger Redaktion für den Ohrenkuss.

Buchinfo: Superheldin 21 – Mein Leben mit Down-Syndrom von Verena Turin, Daniela Chmelik, erschienen bei rororo, 21.07.2017, 160 Seiten, € 9,99, ISBN 978-3-499-63269-3

Petra Hammesfahr: Hörig

Für Patrizia war es die erste große Liebe. Daran konnten auch die Gerichtsverhandlung und die Medien nichts ändern, die Heiko Schramm zum Monster hoch stilisiert haben. Als er zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wird, bricht für die 17-Jährige eine Welt zusammen. Sieben Jahre später steht Heiko erneut vor Patrizia und sie kann nicht anders, als ihm zu folgen.

(Cover: rororo)
(Cover: rororo)

Sie treffen sich in der Disco. Patrizia wird Zeugin eines Gespräches, das der Dealer Heiko Schramm mit einem seiner Kunden führt. Für sie kein Grund, sich seiner Annäherung zu entziehen. Wie verzaubert ist sie von der Aufmerksamkeit, die ihr der deutlich ältere Mann zukommen lässt, ohne sie je wirklich zu berühren.

In kürzester Zeit ist Patrizia abhängig von Schramm abhängig. Gegen den Willen ihres Vaters, der alles versucht, sie von Schramm fern zu halten, findet sie immer wieder Wege, sich heimlich mit Heiko zu treffen. Nächtelang steht der junge Mann an ihrer Straßenecke und schaut zu ihrem Fenster hoch. Längst hat der Vater verboten, den Rolladen hoch zu ziehen und sich am Fenster zu zeigen.

Abhängig von einem Psychopathen

Doch das braucht sie gar nicht. Sie ist Schramm längst mit Haut und Haaren verfallen und schnell überzeugt, als er ihr eine gemeinsame Flucht vorschlägt. Bereitwillig händigt sie ihm den Schlüssel zur Villa ihre Arbeitgebers, eines wohlhabenden Juweliers aus, der seine Werkstatt im Haus hat. Der Überfall läuft aus dem Ruder. Heiko Schramm schlägt den alten Herrn brutal zusammen und wird zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Patrizia bricht zusammen. Zwei Jahre dauert es, bis Ed, ihr Therapeut, sie wieder so weit aufgebaut hat, dass sie mit Schramm abschließen kann. Eine Zeit, die zwischen Therapeut und Patientin eines tiefes Vertrauen entstehen lässt, das sich nach und nach in Liebe wandelt. Patrizia und Ed heiraten.

Sieben Jahre später

Sieben Jahre später. Ed ist am Vormittag wie üblich in seiner Praxis, als es an der Tür klingelt. Patrizia öffnet. Vor ihr steht Heiko, der Mann, der fast ihr Leben ruiniert hat. Er beteuert, dass er sie unverändert liebt und mit ihr eine neue Zukunft beginnen will. Und Patrizia geht mit ihm.

Hat sie wirklich nichts gelernt? Glaubt sie immer noch, Heiko Schramm sei an ihr interessiert und nicht nur an der Beute, die nie aufgetaucht ist. Während Ed alles tut, um seine Frau zu finden, erkennt Patrizia die entsetzliche Wahrheit.

Spannung pur!

Petra Hammesfahr ist immer für einen spannenden Thriller gut. Hörig ist faszinierend, weil die extremen Gefühlswelten so eindrücklich geschildert werden. Sehr gut: Über eine sehr weite Strecke lässt sie ihre Leser im Ungewissen, wie es genau in Patrizias Innenleben aussieht. Sehr gut geschrieben und eine überraschend komplexe Story.

Leseempfehlung!

Petra Hammesfahr

Petra Hammesfahr schrieb mit 17 ihren ersten Roman. Mit ihrem Buch „Der stille Herr Genardy“ kam der große Erfolg. Seitdem schreibt sie einen Bestseller nach dem anderen, u.a. „Die Sünderin“, „Die Mutter“ und „Erinnerungen an einen Mörder“. Die Autorin lebt in der Nähe von Köln.

Buchinfo: Hörig von Petra Hammesfahr, erschienen bei rororo, Oktober 2013, 320 Seiten, € 9.99, ISBN 978-3-499-26683-6

Ghostwriter: Kein Bier vor vier und keine Leiche ohne Eis

Alle wollen sie nur das eine von ihm: Geld! Erst die Exfrau und die Kinder, dann der Vermieter und jetzt auch noch der Wirt seiner Stammkneipe. Doch woher nehmen? Schließlich ist Volkmar Vogt, oder Volvo, wie ihn seine Freunde nennen, als Autor bislang kläglich gescheitert. Da kommt seinem Agenten eine grandiose Idee.

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Cover: rororo.de

Irgendwie ist Volkmar Vogt, genannt Volvo, ein Versager auf der ganzen Linie. Genau genommen ist er ja Autor. Aber das weiß keiner so richtig zu schätzen. Nach der Trennung nimmt seine Exfrau ihn aus wie eine Weihnachtsgans. Jetzt soll er sogar noch den Therapeuten bezahlen, den sie aufsuchen muss, weil er, Volvo, sie so mies behandelt habe. Was soll er selbst denn da sagen? Er selbst bezahlt schließlich einen in die Jahre gekommenen Exrocker, damit er ihn jederzeit vollquatschen kann. Ok, als Kneipenwirt macht der das nur semiprofessionell und auch nicht exklusiv. Eher so für das halbe Viertel. Aber immerhin.

Kurt Kalinski ist tot, es lebe Kurt Kalinski!

Im Gegensatz zu Volvo gehört Kurt Kalinski zu den ganz Großen. Er ist ein Starautor, bei dem jedes Buch im Vorfeld schon zum Bestseller deklariert wird. Deklariert wurde. Denn Kurt Kalinski ist tot. Gestorben kurz bevor er seinen überall bereits angepriesenen, neuen Roman beenden konnte. Aber das weiß nur Möller, sein Literaturagent. Der hat ihn nämlich ganz zufällig gefunden. Tot in seinem Sessel saß er. Noch weiß die Öffentlichkeit nichts davon und deshalb hat Möller auch eine hervorragende Idee: Niemand erfährt von Kalinskis Ableben und Volvo schreibt den Roman ganz einfach fertig.

Ghostwriter für einen anderen Autor? Dafür ist sich ein Volkmar Vogt dann doch zu schade. Zumindest so lange, bis der Kneipenwirt sich auch noch weigert, ihm seine Deckel zu stunden. Aus Volvo wird Kurt Kalinski.

Herrlich wirr und liebenswert

“Ghostwriter” ist ein herrliches Verwirrspiel, das zeigt: Man sollte sich nie zu sicher sein, dass der Tote wirklich der Tote ist. Vor allem dann nicht, wenn man ihn in einer Kühltruhe lagert, die auch das Eis für eine coole Fete beherrbergen soll. Und wenn der Tote noch dazu einen dickschädeligen Hund hatte, der ihn überlebt hat, kann man schon mal an Verschwörung glauben. Gut, dass der Weinkeller so üppig gefüllt ist. Nüchtern wäre das mörderische Chaos nicht zu ertragen.

Ein liebenswertes Chaos, hervorragend geeignet für einen Herbsttag auf der Couch. Von mir eine Leseempfehlung.

Jesko Wilke

Jesko Wilke, 1959 in Hamburg geboren, studierte Philosophie, Kunsttherapie und Kunstpädagogik. Danach war er einige Jahre in sozialen Einrichtungen tätig. Anschließend arbeitete er für die Verlagsgruppe Milchstraße. Seit 2002 ist er Sachbuchautor und freier Journalist und schreibt für verschiedene Magazine. Jesko Wilke hat zwei erwachsene Kinder, er lebt mit Frau und Hund südlich von Hamburg.

Buchinfo: Ghostwriter von Jesko Wilke, erschienen bei rororo, Oktober 2012, 288 Seiten, € 8,99, ISBN 978-3-499-25849-7

Mehr skurrile Spannung:

Daniel Suarez: Kill Decision – Sie leben nicht, aber sie töten

Thriller, Drohnen, Schwarmintelligez, unbemannt
(Cover: rowohlt.de)

Ich möchte diese Rezension mal anders anfangen. Denn ich bin begeistert! Und das kann nicht warten bis zum Schluss. Nachdem mich Darknet fasziniert hat, Daemon hingegen eher nicht, habe ich Kill Decision mit gemischten Gefühlen begonnen.

Doch wie bei Darknet hat mich die Vorstellbarkeit der Story und die solide Recherche dahinter sofort in ihren Bann gezogen. Man merkt, dass Suarez Ahnung von den Themen hat, über die er schreibt. Es geht eben einfach nichts über Krimis intelligenter und eloquenter Menschen. Auch wenn diese einem dann verdammt nahe kommen.

Kaufen! Lesen! Darüber nachdenken!

Denn bei diesem Thriller ist es keine Frage, OB so etwas je passieren kann, sondern WANN es passieren wird.

Ein Muss für Drohnenfans.

So und nun zum Inhalt

Die Biologin Linda McKinney ist fasziniert von der Schwarmintelligenz der Weberameise.  Diese gilt als besonders aggressiv und macht auch vor deutlich größeren Lebewesen wie zum Beispiel Menschen nicht halt. Durch Duftstoffe machen die Tiere auf Angreifer aufmerksam. Jede neu hinzu kommende Ameise verstärkt den Duft und stachelt damit den Angriffswillen des gesamten Volkes weiter an.

Nach jahrelanger Forschung über diese – für sie – faszinierenden Tiere glaubt McKinney, den Mechanismus ihrer Schwarmintelligenz durchschaut zu haben. Mit einer von ihr entwickelten Software lässt sich dieser simulieren und weiter erforschen.

Als Angriffe unbemannter Drohnen unzählige Menschen scheinbar wahllos töten, gerät McKinneys Algorithmus in den Fokus des Militärs. Eine Geheimkommando entführt sie aus dem afrikanischen Dschungel, um mit ihrer Hilfe das Töten zu beenden. Und McKinney findet tatsächlich einen Weg. Aber kommt dieser noch rechtzeitig?

Daniel Suarez

Bevor Daniel Suarez seinen ersten Roman begann, machte er als Systemberater Karriere und entwickelte Software für zahlreiche große Firmen der Militär-, Finanz- und die Unterhaltungsindustrie. “Daemon” veröffentlichte er 2006 unter Pseudonym im Eigenverlag. Nachdem der Roman die Internet- und Gaming-Community im Sturm erobert hatte, wurde ein großer Verlag auf das Buch aufmerksam. In der neuen Ausgabe avancierte “Daemon”, genau wie der Nachfolgeband “Darknet” zum Bestseller; eine Verfilmung ist in Vorbereitung. Daniel Suarez lebt und arbeitet in Kalifornien.
Buchinfo: Kill Decision von Daniel Suarez, erschienen bei rororo, April 2013, 496 Seiten, € 12,99, ISBN 978-3-499-25918-0

Mehr spannende Unterhaltung:

Petra Schier: Das Haus in der Löwengasse

Pauline Schmitz ist Waise. Nach dem Tod ihres Onkels muss sie sich schon früh um ihr eigenes Auskommen bemühen. Als Gouvernante bei einer reichen Familie in Bonn wähnt sie sich sicher. Doch der Eindruck täuscht. Der Hausherr stellt der jungen Frau nach. Als sie sich zur Wehr setzt, steht sie mit ihrem Koffer auf der Straße. Alleine, mittellos und ohne Kontakte in der fremden Stadt droht Pauline die Gosse. 

In Textilfabrikant Julius Reuther scheint die erhoffte Rettung zu nahen. Mit dem Tod seiner Gattin haben die beiden Kinder ihren Halt verloren. Paulines weibliche Hand soll die Situation im Haus Reuther wieder in ruhigere Gewässer steuern. Endlich scheint ihr das Glück hold zu sein, bis Julius Reuther ihr seine Liebe zu ihr gesteht.

Petra Schier steht für gute Leseunterhaltung
Petra Schier steht für gute Leseunterhaltung (Bildquelle: rowohlt.de)

Ist dieser Liebe eine Chance vergönnt? Schließlich ist der finanziell angeschlagene Fabrikant dringend auf die Mitgift einer reichen Tochter aus gutem Hause angewiesen, will er sein Unternehmenen retten. Wagen Pauline und Julius ihren Herzen zu folgen?

Petra Schier – anders als gewohnt aber gut wie immer

Petra Schier steht eigentlich immer für gute Unterhaltung. Ihre Reihe um die Kölner Apothertochter Adeline wird den Fans historischer Romane ebenso ein Begriff sein, wie die Reliquienhändlerin Marysa. Mit ihrem neuen Roman „Das Haus in der Löwengasse begibt sich Petra Schier auf neues Terrain: ein großes Frauenschicksal im 19. Jahrhundert.

Mit dem was sie schreibt, trifft Petra Schier meinen Geschmack. Besonders Adeline, die eigensinnige Apothekertochter, hat es mir angetan. Auch wenn die Storys immer nach ähnlichem Muster gestrickt sind. „Das Haus in der Löwengasse“ durchbricht dieses Muster nur bedingt. Wieder steht eine beherzte junge Frau im Mittelpunkt, die eine Rolle lebt, die ihre Zeit so nicht für sie vorgesehen hat. Und diese Rolle meistert Pauline mit Bravour.

Kurzweilige Unterhaltung nicht nur für Petra Schier Fans.

Über die Autorin

Petra Schier, Jahrgang 1978, lebt mit ihrem Mann und einem Schäferhund in einer kleinen Gemeinde in der Eifel. Sie studierte Geschichte und Literatur und arbeitet mittlerweile als freie Lektorin und Autorin. Schon in ihren ersten beiden Romanen «Tod im Beginenhaus» und «Mord im Dirnenhaus» löste die Apothekerin Adelina mit Scharfsinn und Dickköpfigkeit Kriminalfälle im mittelalterlichen Köln.

Buchinfo: „Das Haus in der Löwengasse“, erschienen bei rororo, September 2012, 350 Seiten, € 8,99, ISBN 978-3-49925901-2

Die Tote im Main: Niemand kennt ihr Gesicht

Am Main-Staukraftwerk wird eine grausam entstellte Mädchenleiche angespült. Hauptkommissar Winter setzt alles daran, den Fall aufzuklären. Als seine Kollegin, Hilal Aksoy, im Laufe der Ermittlungen feststellt, dass Winters Tochter die Tote kannte, spitzt sich die Situation für Winter zu. Handelte es sich womöglich um einen Ritualmord? Und ist Winters Tochter ebenfalls in Gefahr?

Hauptkommissar Andreas Winter ist genervt. Sein langjähriger Kollege lässt sich versetzen und ihm wird die nervtötend politisch korrekte Kollegin Hilal Aksoy zur Seite gestellt. Ihre übersprudelnden Ideen, die sie jedem unter die Nase reiben muss, gehen ihm gewaltig gegen den Strich. Mit seinem alten Kollegen lief einfach alles reibungslos Hand in Hand. Dazu kommt noch der Stress daheim. Seine 16-jährige Tochter schwänzt die Schule und hat einen dubiosen Freund, den die Eltern noch nie zu Gesicht bekommen haben.

Wer ist das Mädchen ohne Gesicht?

Bei kaltem Nieselregen auf der Staustufe herum zu klettern, um mit Aksoy nach Spuren zu suchen, die den Fall des gesichtslosen Mädchens aufklären könnten, fehlte ihm da gerade noch. Und wie nicht anders zu erwarten, bringt ihn die übereifrige neue Kollegin mit ihren ständig wechselnden Theorien von einem Fettnapf in den anderen.
Als der Fall zu den Akten gelegt werden soll, taucht an der gleichen Stelle eine neue Leiche auf. Hat Winters Tochter etwas mit den Toten zu tun? Sie wurde am Vorabend an der Staustufe gesehen und kannte auch das erste Opfer. Winter muss sich aus dem Fall zurückziehen und sich auf Kollegin Aksoy verlassen.

Auch deutsche Krimis haben ihre Stärken

Ich lese gerne deutsche Krimis. In aller Regel kommen sie ruhiger und weniger actiongeladen daher, als ihre amerikanischen “Kollegen”. Und das muss überhaupt nicht nachteilig für die Story sein. Wenn dann aber noch mit zahlreichen falschen Fährten und diversen Nebenschauplätzen, wie zum Beispiel die private Problematik Winters, gearbeitet wird, kann das der Spannung Abbruch tun.
Bei Staustufe ist das leider passiert. Eine eigentlich wirklich gute Story wird so lange verwässert, bis man kurz davor ist, aufzugeben. Was überaus schade wäre. Denn zum guten Schluss nimmt der Fall eine wirklich unerwartete Wendung.

Autorenportrait:
Alex Reichenbach studierte Amerikanistik und Politologie und lebt und schreibt in Frankfurt am Main. «Staustufe» ist der erste Band in der Reihe um Hauptkommissar Andreas Winter und seine türkische Kollegin Hilal Aksoy.

Buchinfo
Staustufe von Alex Reichenbach, erschienen bei rororo, September 2011, 384 Seiten, €8,99, ISBN 978-3-499-25539-7

Florian Schroeder: Offen für alles und nicht ganz dicht

Kinder ja, aber bloß nicht jetzt. Zusammenwohnen gerne, aber bitte mit getrennten Schlafzimmern. Fünf-Gänge-Menü und Traumfigur. Florian Schroeder geht hart ins Gericht mit einer Generation, die alles und nichts gleichzeitig will. Humorvoll beschreibt er das Leben zwischen Facebook und Starbucks.

Och nö, nicht schon wieder eine Entscheidung!

Wir sind unglaublich mobil, ungeheuer flexibel und unfassbar kreativ und bekommen doch nichts auf die Reihe. Mit viel Humor und Selbstironie wirbt Florian Schroeder um Verständnis für Geschichten, die das Leben schreibt. Geschichten der 30-Jährigen, der 40-Jährigen und der 50-Jährigen. Geschichten, die unabhängig sind vom Alter. Denn dieser Generation ist vor allem eines gemeinsam: Sie hat sich entschieden, sich nicht mehr entscheiden zu wollen. Alles oder nichts war gestern. Heute heißt das Motto: Alles und nichts. Mit Vollgas im Leerlauf, aber Hauptsache Spaß dabei.

Für alle, die es eilig haben, fasst Schroeder im Vorspann das Geschehen schon mal zusammen: “Wenn du unter 39 Jahre alt bist, wirst du dich und deine Altersgenossen nach der Lektüre besser verstanden haben. Wenn Sie älter als 39 sind, werden Sie am Schluss Ihre Kinder, Neffen, Nichten, Halbschwestern, Halbbrüder und anderes Patchwork-Gesocks besser verstehen. Also ab zur Kasse und kaufen gehen.”

Generation Youporn to go?

Schroeder beschreibt eine Generation, die nicht mal einen einheitlichen Namen hat. Nennen wir sie “Irgendwas-mit-Medien”, “Generation Praktikum”, “Generation Casting”, “Generation Fernbeziehung”, “Generation Youporn” oder “Generation 2.0”. Eine Generation, die ständig auf dem Sprung ist, ihren Kaffe to go trinkt und sich weigert, erwachsen zu werden. Man ist offen für alles – und nicht ganz dicht.

Wer “Offen für ALLES” liest, wird sich amüsieren. Entweder über Freunde oder Verwandte, die er perfekt beschrieben findet. Oder über sich selbst – was natürlich ein gerütteltes Maß an Selbstironie voraussetzt. Florian Schroeder macht Spaß und sorgt für Lesegenuss.

Florian Schroeder (Jahrgang 1979) studierte Philosophie und Germanistik in Freiburg, 2006 zog es den Kabarettisten in die Hauptstadt. Längst ist Florian Schroeder einem breiten Publikum bekannt: Er ist regelmäßiger Gast in Sendungen wie ZDF «Neues aus der Anstalt», Sat 1 «Genial Daneben», BR «Ottis Schlachthof», WDR «Mitternachtsspitzen» und «TV Total». In seinem Bühnenprogramm «Du willst es doch auch! » begeistert er bundesweit die Zuschauer mit einer Mischung aus Parodien, politischem Kabarett und intelligentem Nonsens. Die ersten kabarettistischen Schritte machte er bereits auf dem Schulhof, sein TV Debüt hatte er als 13-jähriger in der Harald Schmidt Show. Sein weiterer Weg führte ihn über Radiomoderationen bei SWR3 schließlich auf die Bühne. In seinem ersten Buch zeichnet Florian Schroeder ein feines Portrait seiner Generation, die alle Möglichkeiten hat, aber keine Wahl. Mit Schroeder bekommt sie endlich eine Stimme – persönlich, pointiert, witzig, böse. Mehr über den Autor erfahren Sie unter: www.florian-schroeder.com

Buchinfo: Offen für alles von Florian Schroeder, erschienen bei rororo, Juli 2011, 240 Seiten, € 9,99, ISBN 978-3-499-62736-1